Ist Geldwäsche mit Krypto einfacher als mit Euro, Dollar und Co.?

“Ich bin im Wäscherei-Business tätig”, diese Worte sprach die Mafia-Legende Al Capone 1931, als ihm in den USA der Prozess wegen Steuerhinterziehung gemacht wurde. Der Mafioso besaß zu diesem Zeitpunkt unter anderem eine Kette an florierenden Waschsalons, über die er Gelder aus seinen kriminellen Geschäften reinwusch, um sie im Anschluss in den legalen Wirtschaftskreislauf zu überführen.

Damit prägte der New Yorker Gangsterboss den Begriff der “Geldwäsche”, der sich heute ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Sinnbildlich hat sich an der heutigen Semantik dabei kaum etwas verändert. Die Vereinten Nationen definieren Geldwäsche als “Umwandlung oder Übertragung von Vermögensgegenständen in Kenntnis der Tatsache, dass diese Vermögensgegenstände aus einer oder mehreren Straftaten stammen, mit dem Ziel, den illegalen Ursprung der Vermögensgegenstände zu verbergen oder zu verschleiern”.

Dafür nutzen Kriminelle mittlerweile nicht mehr nur Kleinbetriebe, sondern waschen ihre Gelder auch im großen Stil etwa über Offshore-Konten und vereinzelt auch über Banken.

Mit der fortschreitenden Adoption von Kryptowährungen sehen nun viele Kritiker die Gefahr, dass Bitcoin und Co. primär für illegale Zwecke wie Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung genutzt werden könnte. Doch wie realistisch sind diese Bedenken wirklich?

Krypto-Geldwäsche 2021 gestiegen

Den Ruf als Eldorado der Geldwäsche begleiten die digitalen Assets dabei schon eine ganze Weile. Immer wieder drücken Politiker, Strafverfolgungsbehörden oder staatliche Institutionen ihre Sorgen aus und verweisen auf die Möglichkeit der digitalen Assets, um Gelder am Fiskus vorbeizumanövrieren.

Bitcoin ist ein hochspekulativer Vermögenswert, der einige komische Geschäfte sowie interessante und völlig verwerfliche Geldwäscheaktivitäten ermöglicht hat.

Christina Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Wie hoch der kriminelle Anteil am gesamten Handelsvolumen des Krypto-Space tatsächlich ist, lässt sich nicht genau beziffern. Vielmehr berufe man sich auf Statistiken und Daten aus der Privatwirtschaft und dem akademischen Sektor, teilt eine Sprecherin von Europol gegenüber BTC-ECHO mit.

Genauere Zahlen liefert Chainalysis. Das Analyseunternehmen aus den USA erhebt jedes Jahr in einem Bericht den Anteil krimineller Handlungen am Gesamtvolumen aller Transaktionen von Kryptowährungen.

In puncto Geldwäsche beobachtete das New Yorker Forscherteam 2021 einen Anstieg von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf etwa 8,6 Milliarden US-Dollar. Seit dem großen ICO-Hype von 2017 seien laut Schätzungen der Experten insgesamt 33 Milliarden US-Dollar gewaschen worden.

Erst Anfang Februar geriet das Thema wieder in den medialen Fokus, als es dem FBI gelungen war, 3,6 Milliarden US-Dollar aus dem 2016 stattgefundenen Hack der Krypto-Börse Bitfinex zu beschlagnahmen. Gleichzeitig verhafteten die Behörden ein junges Ehepaar aus Manhattan, das mutmaßlich Gelder aus dem Diebstahl gewaschen haben soll.

In Relation zu dem zusammengerechneten Handelsvolumen aller Kryptowährungen lag der Geldwäscheanteil im abgelaufenen Jahr jedoch nur bei 0,05 Prozent, hält das Analyseunternehmen fest. Der kriminelle Hotspot liege dabei in Europa, meint Gurvais Grigg, Global Public Sector Chief Technology Officer bei Chainalysis, gegenüber BTC-ECHO.

Primär sei dies auf illegale Aktivitäten in Osteuropa, insbesondere Russland, zurückzuführen. Doch auch Deutschland sei ein beliebter Standort für Krypto-Kriminalität. Allgemein beherberge die Bundesrepublik den viertgrößten illegalen Markt auf dem Kontinent.

Der Großteil der digitalen Münzen werde laut Grigg jedoch nach wie vor für legale und legitime Zwecke verwendet. “Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass Kryptowährungen primär für illegale Aktivitäten genutzt werden. Wie bei vielen anderen neuen Technologien zählten auch bei Bitcoin und Co. Kriminelle zu den Early Adoptern, die den Ruf der Assets maß­geblich geprägt haben.”

Man wolle damit das Problem allerdings nicht kleinreden, sondern vielmehr aufzeigen, dass Geldwäsche für alle wirtschaftlichen Werttransfers eine Plage darstellt.

Defi-Protokolle als Exit Points immer beliebter

Die Gelder lassen sich dabei auf unterschiedlichste Kriminalitätsbereiche zurückführen. In 2021 besonders beliebt: Diebstähle und Scams. Darüber hinaus setzen ganze Staaten auf Krypto, um etwa Sanktionen zu umgehen und die eigenen Kassen zu füllen.

So sorgte vergangenes Jahr die Meldung für Furore, als bekannt wurde, dass Hacker aus Nordkorea im Auftrag des kommunistischen Regimes knapp 400 Millionen US-Dollar in Bit­coin und Co. von Krypto-Börsen erbeuteten. Das entspricht immerhin knapp zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der ostasiatischen Diktatur.

Genau wie im Fiat-System ist es auch im Krypto-Space möglich, kriminelle Wallets als solche zu brandmarken. Geldwäscher setzen deshalb komplexe Methoden wie Mixing ein, um Transaktionen zu verschleiern. Am Ende laufen die Fäden nach wie vor größtenteils bei großen zentralisierten Exchanges zusammen.

Chainalysis beobachtete jedoch eine rückgängige Entwicklung auf 47 Prozent in 2021. Der regulatorische Druck von staatlicher Seite um strengere KYC- und AML-Richtlinien auf Krypto-Börsen scheint sich hier zumindest auszuzahlen.

Geldwäscher reagieren jedoch und verlagern ihre Aktivitäten immer mehr in die Welt der dezentralen Finanzen (DeFi). Insgesamt flossen 17 Prozent der illegalen Transaktionen über DeFi-Protokolle – ein Anstieg um 1.964 Prozent auf nunmehr 900 Millionen US-Dollar, hält Chainalysis fest. Den Hauptanteil machten dabei Gelder aus Diebstählen aus, meint Gurvais Grigg. Insgesamt hätten Kriminelle über 750 Millionen US-Dollar an DeFi-Plattformen geschickt.

Viele der Hacks, die wir in 2021 gesehen haben, betrafen DeFi-Protokolle. Es macht Sinn, dass die Gelder im Anschluss ebenfalls an DeFi-Dienste geschickt werden, da diese mit großen Summen an Liquidität umgehen können

Gurvais Grigg, Chainalysis

Zudem erreichte Geldwäsche im NFT-Space im vergangenen Jahr einen “Meilenstein”, als das Volumen des Sektors im dritten Quartal erstmals die Millionenmarke überschreiten konnte und 2021 letztlich mit 1,4 Millionen US-Dollar ausklingen ließ. Wenngleich die Aktivitäten im NFT-Space nur “einen Tropfen auf dem heißen Stein” darstellten, dürfe der Bereich dennoch nicht vernachlässigt werden, so das Fazit des US-Unternehmens.

Dienstleister für Krypto-Geldwäsche “stark konzentriert”

Kriminelle waschen ihre Beute allerdings nicht nur selbst, sondern greifen unter anderem auch auf spezialisierte Dienstleister zurück, die die Gelder in den legalen Wirtschaftskreislauf überführen sollen. Diese Services seien stark konzentriert, was Regierungsbehörden erlauben würde, mittels der Nachverfolgung über die Blockchain gezielt Anbieter auszuschalten, meint Grigg.

Als Beispiel nennt er den Fall Suex. Das US-Finanzministerium hatte im September vergangenen Jahres Sanktionen gegen den russischen OTC-Broker verhängt. Der Dienstleister soll nach Auffassung der USA Gelder in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar aus Ransomware- und anderen Cyber-Attacken in Bitcoin, Ether und Tether gewaschen haben. Seit den Sanktionen hat sich das Geschäft für Suex in den USA dramatisch verschlechtert. Umgekehrt drohen US-Entitäten und Bürgern harte Strafen bei Regelbruch.

Albert Sperl mahnt hingegen zur Vorsicht. Der Blockchain-Forensiker hat sich dem Kampf gegen die Cyberkriminalität verschrieben und dazu das Unternehmen Foreus Blockchain Analytics gegründet, mit dem er Kriminelle über die Blockchain jagt. Gegenüber BTC-ECHO meint der Österreicher:

Natürlich ist es gut, diese Dienstleister zu kennen und zu beobachten, aber dies wissen nicht nur die Strafverfolgungsbehörden, sondern auch diejenigen, die solche Dienste nutzen. Dementsprechend vorsichtig gehen sie bei der Nutzung vor, eingezogene Sicherheitsparameter zu umgehen oder gänzlich zu meiden.

Albert Sperl

Als Certified Cryptocurrency Forensic Investigator (CCFI) ist Sperl dabei die Blockchain eine enorme Hilfe. Durch die Protokollierung der einzelnen Transaktionen kann der Spezialist genau nachvollziehen, wohin die jeweilige Überweisung ging. Mithilfe einer speziellen Software ist er sogar in der Lage, die dazugehörige Wallet zu extrahieren.

Sperls Meinung nach müssten Behörden stetig ihr Know-how ausbauen, um zumindest mit den Nutzern solcher Services gleichauf zu sein. Dies sei aktuell noch nicht in allen Instanzen der Fall, das sei ihm bei der Zusammenarbeit bisher aufgefallen.

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Fiat-Geldwäsche weiter auf Höhenflug

Allgemein sehe Sperl zwar eine Zunahme in der Verwendung von Kryptowährungen, auch weil die globale Akzeptanz als Zahlungsmittel weiter zunehme. Dennoch mache der Gesamtwert der Transaktionen im Zusammenhang mit kriminellen Aktivitäten im Vergleich zum Geldwäschevolumen im Fiat-System nur eine begrenzte Summe aus.

Zahlen, die diese These stützen, liefert das Office on Drugs and Crime der Vereinten Nationen (UNODC). Das Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung mit Hauptsitz in Wien schätzte in einem Bericht das jährliche weltweite Geldwäschevolumen auf zwei bis fünf Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Das bedeutet, dass in einem Jahr zwischen 800 Millionen und zwei Billionen US-Dollar gewaschen werden.

An der Verschleierung von Fiat-Geldern sind dabei immer wieder auch große Banken beteiligt. Im September 2020 offenbarten die sogenannten FinCEN-Files ein Geldwäschevolumen von etwa 1,7 Billionen US-Dollar, die prominente Finanzhäuser wie JPMorgan, HSBC oder auch die Deutsche Bank für mutmaßliche Mafiosi, Millionenbetrüger und sanktionierte Oligarchen gewaschen haben.

Derzeit steht die Credit Suisse im Rampenlicht der Berichterstattung. Ein Datenleak, der Süddeutschen Zeitung zugespielt und im Anschluss mit dem WDR und NDR ausgewertet wurde, zeigt, wie die Schweizer Bank seit 1940 Kriminelle, umstrittene Staatschefs und korrupte Beamte als Kunden führte und Gelder für sie wusch. Nach Schweizer Recht ist das illegal. Denn eigentlich dürfen Banken Finanzmittel, die aus kriminellen Machenschaften stammen könnten, nicht annehmen und müssen diese einer Risikoprüfung unterziehen.

So läuft Geldwäsche im Fiat-System ab

Zunächst wird das “schmutzige Geld” in das Finanzsystem integriert. Danach werden die Finanzmittel in einem Kreislauf aus mehreren Entitäten hin- und hertransferiert, um Spuren zu verwischen. Für den letzten Schritt löst man das Kapital aus dem Verschleierungsprozess und stellt es dem “Kunden” zur Verfügung, der dieses dann beispielsweise durch den Erwerb von Luxusgütern in den legalen Wirtschaftskreislauf integriert

Ermittler versuchen mit unterschiedlichen Untersuchungsmethoden, den Wegebau des Geldes nachzuverfolgen. Teilweise ist der dichte Dschungel an Offshore-Konten für Strafverfolgungsbehörden kaum zu durchblicken. Bei einer Überprüfung der Financial Action Task Force (FATF), eines der wichtigsten Gremien zur Bekämpfung von Geldwäsche, wäre Deutschland im September letzten Jahres fast durchgefallen.

Einfluss nahm dabei auch der Skandal um die Financial Intelligence Unit (FIU). Die Osnabrücker Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Strafvereitelung im Amt. Es sollen Verdachtsmeldungen von Banken über Geldwäsche in Millionenhöhe nicht weitergeleitet worden sein. Daraufhin ordnete die Justiz sogar eine Durchsuchung der Räumlichkeiten des Bundesfinanzministeriums an.

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Blockchain – die Geheimwaffe des Krypto-Space

Was dem Fiat-Geldsystem an Transparenz fehlt, macht der Krypto-Space mittels der Blockchain wett. Während die Offshore-Geflechte von Superreichen für Regulierungsbehörden nur mühselig zu durchblicken sind, werden etwa bei Bitcoin alle Transaktionen im Netzwerk gespeichert. Jeder kann diese einsehen.

Unter Zuhilfenahme von On-Chain-Tracking-Programmen kann man mit ein bisschen Fleißarbeit jede Zahlung zurückverfolgen.

Die Blockchain-Technologie ermöglicht ein noch nie dagewesenes Maß an Transparenz und einen einfachen Zugang zu Aufzeichnungen über Finanztransaktionen, was bei anderen Formen des Werttransferns einfach nicht möglich ist. Die ermöglich den Aufsichtsbehörden eine einfachere Überprüfung von Transaktionen und verändert die Art der Einhaltung von Vorschriften und der Überwachung.

Gurvais Grigg, Chainalysis

Damit Krypto-Geldwäsche jedoch gar nicht weiter keimen kann, fordert ­Albert Sperl eine “einfache Regulierung von Krypto-Dienstleistern” durch die Gesetzgebung. Er könne sich etwa vorstellen, Wallets verifizieren zu lassen, ähnlich wie das heute bei der Eröffnung eines Bankkontos üblich ist.

Das würde meiner Meinung nach schon sehr viel bringen. Keine Frage, natürlich kann man auch dies mittels falscher Dokumente oder falscher Identitäten umgehen, wenn man genügend kriminelle Energie aufwendet.

Albert Sperl

Ein Schritt in die richtige Richtung sei es aber allemal, meint Sperl. Dabei entsprechen die KYC-Anforderungen der meisten Krypto-Anbieter heutzutage bereits internationalen Standards.

Parallel werden die Ermittlungsmethoden der Strafverfolgungsbehörden immer weiter ausgebaut. Der Internal Revenue Service (IRS) beantragte im Juni 2021 eine Budgeterhöhung um 1,2 Milliarden US-Dollar. Dazu verzeichnet die Behörde auch erste größere Ermittlungserfolge. So beschlagnahmte man im vergangenen Jahr rund 3,5 Milliarden US-Dollar aus illegalen Krypto-Geschäften.

Und auch die EU gründete im letzten Jahr eine neue Anti-Geldwäsche-Einheit (AMLA) mit Fokus auf Krypto-Transaktionen. Gleichzeitig gehen denselben Institutionen jedes Jahr Unsummen an Fiatgeld durch die Lappen.

Unter diesen Gesichtspunkten ist die Befürchtung einiger Regulatoren, Kryptowährungen brächten Offshore-Methoden für jedermann, schlichtweg falsch. Was reiche Menschen mithilfe von Offshore-Oasen und zwielichtigen Banken erreicht haben, lässt sich durch den einfachen Durchschnittsbürger mittels Kryptowährungen nicht replizieren.

Disclaimer

Dieser Artikel erschien bereits in der März-Ausgabe des BTC-ECHO Magazins.

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